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court-circuit von
Jean Guillaume Ferrée
In
Paris ist die in den 1980er Jahren verschollene Fotoarbeit court-circuit
von Jean Guillaume Ferrée aus dem Jahr 1970 wieder aufgefunden
worden. Die 10-teilige Fotoserie zeigt in Abfolge die Sicht einer
Kamera durch eine modellhaft anmutende Wohnung in das Modell eines auf Böcken
stehenden Hauses, um dort in das gleiche modellhaft anmutende Zimmer mit
dem Modell des Hauses zu gelangen. Der Anfang ist somit zugleich das
Ende, ein nicht endender Kreislauf. Das erste Foto (Bild 1.) zeigt einen
Raum mit verschiedenen Arbeiten Ferrées an den Wänden. Bei dem Zimmer
und den Arbeiten handelt es sich um den Modellnachbauten des Geburtshaus
Ferrées in Lorquin / Frankreich und Werken Ferrées. Im Zentrum des
Fotos ist das Modell des Hauses mit geöffneter Tür zu sehen. Auf diese
Tür fährt die Kamera in den folgenden Bildern zwei, drei und
vier zu, um dann in den Hausflur zu gelangen, wo sich die Kamera der
rechts liegenden Tür zuwendet. Hinter der Tür befindet sich der Raum
in dem sich neben den Werken Ferrées, das Model des Hauses befindet, wo
die Reihe ihren Anfang nahm und beginnt somit von vorn. Das es sich bei
dem Haus um das Model des Geburtshauses Ferrées handelt ist in
doppelter Hinsicht interessant. Zum einen befindet sich neben dem Raum,
in dem sich das Model des Hauses befindet, die Capsule
de temps, die Ferrée ebenfalls 1970 als Installation mit einem
Körperdouble seiner Person ausgestattet hat. Diese Zeitkapsel ist über
eine Öffnung vom Flur aus einzusehen, wobei der Betrachter durch die
Augen des Körperdoubles in den Raum und einen Spiegel sieht. Diese
Installation wurde mehrfach als Synonym für die neurologische
Erkrankung Ferrées beschrieben. Der Blick des Betrachters durch die
Augen Ferrées in seine Welt ist auch in der Fotoserie court-circuit
von Bedeutung. Stellvertretend für die Augen Ferrées ist hier das
Objektiv der Kamera. Der Betrachter folgt dem Weg und damit dem Blick
Ferrées durch das Haus seiner Eltern, das in der Fotografie allerdings
nur als Modell existiert. Allerdings könnte man dieses Modell, wie auch
die Werke Ferrées, als weitere künstlerische Manifestation des
Alltages Ferrées betrachten, die somit dem Zugriff der zeitlichen Veränderung
entzogen wird.
Das
Medium des Photoloops wurde in der Geschichte der Fotografie von
verschiedenen Künstlern experimentell erprobt. Duane Michals schuf 1973
mit der Serie Things are queer ein weiteres beispielhaftes
Exemplar für die Einsatzmöglichkeiten dieser Kunstform. Anders als
Duane Michals setzte Jean
Guillaume Ferrée die Fotografie nur selten ein. Die Serie court-circuit
nimmt damit eine Sonderposition im Werk Ferrées ein.
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Bild
1. / Fotografie von Jean Guillaume Ferrée / court-circuit, 1970
/ silver gelatine print / 10 Fotos jeweils 10 x 15 cm |
Bild
2. |
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Bild 3. / 4. / 5. /
6. / 7.
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August
Diehl
Mit
August Diehl ist ein bislang völlig unbekannter Vertreter der
Expressiven Realismus entdeckt worden, der Zeit seines Lebens im
Verborgenen arbeitete. Der Autodidakt schuf ein eindrucksvolles Werk an
Malereien, Zeichnungen, Druckgrafik und Plastiken, das in seiner
politischen Unmissverständlichkeit und Kraft an die Arbeiten von George
Grosz, Otto Dix oder Max Beckmann erinnert.
August
Diehl (*
15. November 1886 in Halle/Saale als Anton Emanuel Kürnitz; †
21. März 1938 in Hamburg)
war ein deutscher Maler, Graphiker und Bildhauer. Als Autodidakt
bewegte sich Diehl im Spannungsfeld zwischen Expressivem Realismus und
Sozialkritischem Verismus. Diehl arbeitete im figurativ-expressiven Stil
und spiegelte in seinem Werk kritisch die soziale Wirklichkeit der 30er
Jahre in Deutschland. Besondere Bedeutung kommt Diehl als prägnantem
Zeichner und Porträtisten, u. a. zahlreicher Selbstporträts zu.
Als
erstes von drei Kindern eines Metzgers 1886 in Halle/Saale unter dem
Namen Anton Emanuel Kürnitz geboren, wächst er in einfachen
Verhältnissen auf und folgt dem beruflichen Werdegang seines Vaters.
Im
ersten Weltkrieg dient Diehl als Infanterist, wird aber bereits 1916
infolge einer Schussverletzung als dienstuntauglich entlassen. Der Krieg
ist ein Schlüsselerlebnis für Diehl. Das Grauen, die Vernichtung und
das menschliche Leid veränderten seine Persönlichkeit und sein Verhältnis
zur Gesellschaft nachhaltig und finden schließlich Ausdruck in seiner
Kunst.
Mitte
der 1920er Jahre flieht er aus seiner Heimatstadt Halle/Saale und
versucht einen Neuanfang in der Anonymität der Großstadt Hamburg. Als
„einfacher Bürger“ wie er sich selbst bezeichnete, blieb er den Künstlerkreisen
fern und lebte ein zurückgezogenes, zerrissenes Leben. Am Tage Arbeiter
in einer Großmetzgerei, am Abend und in der Nacht als Zeichner und
Maler, schuf er in nur 10 Jahren, bis zu seinem Tod 1938, ein
kontroverses künstlerisches Werk, dass er jedoch im Geheimen hielt.
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August
Diehl im Jahre
1914 |
Tanz
der Schlachter, 1923 |
Das
Fleisch wird knapp I. 1929 |
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Courtesy
John C. Barish,
2010 |
Öl
auf Leinwand, 145 x 145 cm |
Öl
auf Leinwand 200 x 145 cm |
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Courtesy
John C. Barish, 2010 |
Courtesy
John C. Barish, 2010 |
Aus
heutiger Sicht kann sein exzessives Werk als Verarbeitung seiner
Kriegserlebnisse und der daraus resultierenden Veränderung seiner Persönlichkeit
gelesen werden. In verzweifelt aggressiver Form, die sich in seinen
Arbeiten in einem kühlen Realismus niedergeschlagen hat, übt Diehl
Kritik an den gesellschaftlichen Zwängen der Zeit und nimmt dabei
Tendenzen vorweg, die im Deutschen Nationalsozialismus offen zutage
traten. Gleichzeitig entwickelte er eine markante und kontrastreiche
Bildsprache, die aus heutiger Sicht höchst aktuell ist. Entsprechungen
in der Bildsprache von Max Beckmann und auch George Grosz finden sich in
dem Werk August Diehls genauso wie Anklänge zu dem expressiven
Bildvokabular eines Chaim Sutine.
Neben
einem starken Alkohol Problem litt Diehl unter einem latent vorhandenen
Verfolgungswahn, der durch die veränderten Machtstrukturen des
aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland noch verstärkt wurde.
Mit dem Beginn seines künstlerischen Werkes 1928 signiert er seine
Arbeiten mit dem Namen August Diehl, um bei einer etwaigen
Entdeckung seiner Systemkritischen Bilder als Urheber unerkannt zu
bleiben.
Als
August Diehl 1938 infolge seiner Trunksucht bei einem Sturz ins
Hamburger Hafenbecken ertrinkt, fehlt von seinem Werk jede Spur. Erst im
Jahre 2009 werden in England Arbeiten eines unbekannten Malers entdeckt,
die sich als Teile des Werkes August Diehls herausstellen sollen.
August
Diehl, Auch ein Totentanz, 1934
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