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  Über den Begriff der 
Geschichtsintervention

  Beispiele aus der 
Institutsforschung 

  Das Modell der 
Geschichtsintervention

  Der Anastatische Blick:  

  Die Rezeptionstheorie 
von Dr. Jaap van Hoofstraat

    Der Begriff der temporären Wahrheit

Jaap van Hoofstraat

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Die erste Selfie-Stange von Gustav Szathmáry, 1897

Die Selfie-Stange dient dem Fotografen zur Verlängerung seines Arms. Auf diese Weise kann er sich vor einem größeren Hintergrund oder in einem anderen Winkel fotografieren. Ein Gruppen-Selfie und der Bildausschnitt soll auf diese Weise besser gelingen. Den Auslöser bedient der Fotograf entweder an der Stange, an der das Smartphone in etwa einem Meter Entfernung steckt oder mittels Bluetooth.

Selfiemaker

Diese Erfindung des Kanadiers Wayne Fromm aus dem Jahr 2001, die im Jahr 2005 erstmals in den USA patentiert wurde und seit 2011 unter dem Namen Quickpod vertrieben wird, erfreut sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit, ist aber keine Neuheit.

1897 erfand der Deutsch-Ungarische Komponist und Fotograf Gustav Szathmáry den Távkioldö (Selbstfotografierer). Auf einen zweiteiligen gebogenen Stock war die ebenfalls von Szathmáry erfundene Kamera Babám No.1 befestigt und wurde über ein Seilstystem ausgelöst. Link weitere Informationen

 

Távkioldö The first Selfie maker 1897

Távkioldö von Gustav Szathmáry aus dem Jahr 1897

Konstruktionszeichnung Szathmárys des Távkioldös von 1896        Gustav Szathmáry, Selbstportrait mit dem Távkioldö, 1901

Konstruktionszeichnung Szathmárys des Távkioldös von 1896                                                            Selbstportrait Gustav Szathmárys mit dem Távkioldö, 1901


 

court-circuit von Jean Guillaume Ferrée

In Paris ist die in den 1980er Jahren verschollene Fotoarbeit court-circuit von Jean Guillaume Ferrée aus dem Jahr 1970 wieder aufgefunden worden. Die 10-teilige Fotoserie zeigt in Abfolge die Sicht einer Kamera durch eine modellhaft anmutende Wohnung in das Modell eines auf Böcken stehenden Hauses, um dort in das gleiche modellhaft anmutende Zimmer mit dem Modell des Hauses zu gelangen. Der Anfang ist somit zugleich das Ende, ein nicht endender Kreislauf. Das erste Foto (Bild 1.) zeigt einen Raum mit verschiedenen Arbeiten Ferrées an den Wänden. Bei dem Zimmer und den Arbeiten handelt es sich um den Modellnachbauten des Geburtshaus Ferrées in Lorquin / Frankreich und Werken Ferrées. Im Zentrum des Fotos ist das Modell des Hauses mit geöffneter Tür zu sehen. Auf diese Tür fährt die Kamera in den folgenden Bildern zwei, drei und vier zu, um dann in den Hausflur zu gelangen, wo sich die Kamera der rechts liegenden Tür zuwendet. Hinter der Tür befindet sich der Raum in dem sich neben den Werken Ferrées, das Model des Hauses befindet, wo die Reihe ihren Anfang nahm und beginnt somit von vorn. Das es sich bei dem Haus um das Model des Geburtshauses Ferrées handelt ist in doppelter Hinsicht interessant. Zum einen befindet sich neben dem Raum, in dem sich das Model des Hauses befindet, die Capsule de temps, die Ferrée ebenfalls 1970 als Installation mit einem Körperdouble seiner Person ausgestattet hat. Diese Zeitkapsel ist über eine Öffnung vom Flur aus einzusehen, wobei der Betrachter durch die Augen des Körperdoubles in den Raum und einen Spiegel sieht. Diese Installation wurde mehrfach als Synonym für die neurologische Erkrankung Ferrées beschrieben. Der Blick des Betrachters durch die Augen Ferrées in seine Welt ist auch in der Fotoserie court-circuit von Bedeutung. Stellvertretend für die Augen Ferrées ist hier das Objektiv der Kamera. Der Betrachter folgt dem Weg und damit dem Blick Ferrées durch das Haus seiner Eltern, das in der Fotografie allerdings nur als Modell existiert. Allerdings könnte man dieses Modell, wie auch die Werke Ferrées, als weitere künstlerische Manifestation des Alltages Ferrées betrachten, die somit dem Zugriff der zeitlichen Veränderung entzogen wird. 

Das Medium des Photoloops wurde in der Geschichte der Fotografie von verschiedenen Künstlern experimentell erprobt. Duane Michals schuf 1973 mit der Serie Things are queer ein weiteres beispielhaftes Exemplar für die Einsatzmöglichkeiten dieser Kunstform. Anders als Duane Michals setzte Jean Guillaume Ferrée die Fotografie nur selten ein. Die Serie court-circuit nimmt damit eine Sonderposition im Werk Ferrées ein. 

Bild 1,2 / Fotografie von Jean Guillaume Ferrée / court-circuit, 1970 / silver gelatine print / 10 Fotos jeweils 10 x 15 cm

Bild 3. / 4. / 5. / 6. / 7. 

 

  

Jean Guillaume Ferrée: Rue General leClerc model, 1969

 


August Diehl

Mit August Diehl ist ein bislang völlig unbekannter Vertreter der Expressiven Realismus entdeckt worden, der Zeit seines Lebens im Verborgenen arbeitete. Der Autodidakt schuf ein eindrucksvolles Werk an Malereien, Zeichnungen, Druckgrafik und Plastiken, das in seiner politischen Unmissverständlichkeit und Kraft an die Arbeiten von George Grosz, Otto Dix oder Max Beckmann erinnert.  

August Diehl (* 15. November 1886 in Halle/Saale als Anton Emanuel Kürnitz; † 21. März 1938 in Hamburg) war ein deutscher Maler, Graphiker und Bildhauer. Als Autodidakt bewegte sich Diehl im Spannungsfeld zwischen Expressivem Realismus und Sozialkritischem Verismus. Diehl arbeitete im figurativ-expressiven Stil und spiegelte in seinem Werk kritisch die soziale Wirklichkeit der 30er Jahre in Deutschland. Besondere Bedeutung kommt Diehl als prägnantem Zeichner und Porträtisten, u. a. zahlreicher Selbstporträts zu.

Als erstes von drei Kindern eines Metzgers 1886 in Halle/Saale unter dem Namen Anton Emanuel Kürnitz geboren, wächst er in einfachen Verhältnissen auf und folgt dem beruflichen Werdegang seines Vaters.  Im ersten Weltkrieg dient Diehl als Infanterist, wird aber bereits 1916 infolge einer Schussverletzung als dienstuntauglich entlassen. Der Krieg ist ein Schlüsselerlebnis für Diehl. Das Grauen, die Vernichtung und das menschliche Leid veränderten seine Persönlichkeit und sein Verhältnis zur Gesellschaft nachhaltig und finden schließlich Ausdruck in seiner Kunst.

Mitte der 1920er Jahre flieht er aus seiner Heimatstadt Halle/Saale und versucht einen Neuanfang in der Anonymität der Großstadt Hamburg. Als „einfacher Bürger“ wie er sich selbst bezeichnete, blieb er den Künstlerkreisen fern und lebte ein zurückgezogenes, zerrissenes Leben. Am Tage Arbeiter in einer Großmetzgerei, am Abend und in der Nacht als Zeichner und Maler, schuf er in nur 10 Jahren, bis zu seinem Tod 1938, ein kontroverses künstlerisches Werk, dass er jedoch im Geheimen hielt.  

 

 

August Diehl im Jahre 1914 

Tanz der Schlachter, 1923 

 

Das Fleisch wird knapp I. 1929

Courtesy John C. Barish, 2010

Öl auf Leinwand, 145 x 145 cm

 

Öl auf Leinwand 200 x 145 cm

Courtesy John C. Barish, 2010 

  

Courtesy John C. Barish, 2010

Aus heutiger Sicht muss sein exzessives Werk als Verarbeitung seiner Kriegserlebnisse und der daraus resultierenden Veränderung seiner Persönlichkeit gelesen werden. In verzweifelt aggressiver Form, die sich in seinen Arbeiten in einem kühlen Realismus niedergeschlagen hat, übt Diehl Kritik an den gesellschaftlichen Zwängen der Zeit und nimmt dabei Tendenzen vorweg, die im Deutschen Nationalsozialismus offen zutage traten. Gleichzeitig entwickelte er eine markante und kontrastreiche Bildsprache, die aus heutiger Sicht höchst aktuell ist. Entsprechungen in der Bildsprache von Max Beckmann und auch George Grosz finden sich in dem Werk August Diehls genauso wie Anklänge zu dem expressiven Bildvokabular eines Chaim Sutine.

Neben einem starken Alkohol Problem litt Diehl unter einem latent vorhandenen Verfolgungswahn, der durch die veränderten Machtstrukturen des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland noch verstärkt wurde. Mit dem Beginn seines künstlerischen Werkes 1928 signiert er seine Arbeiten mit dem Namen August Diehl, um bei einer etwaigen Entdeckung seiner Systemkritischen Bilder als Urheber unerkannt zu bleiben.

Als August Diehl 1938 infolge seiner Trunksucht bei einem Sturz ins Hamburger Hafenbecken ertrinkt, fehlt von seinem Werk jede Spur. Erst im Jahre 2009 werden in England Arbeiten eines unbekannten Malers entdeckt, die sich als Teile des Werkes August Diehls herausstellen sollen.

August Diehl, Auch ein Totentanz, 1934


 

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