August
Diehl (1886 – 1938): Auch ein Totentanz (1934)
Nach:
Alfred Rethel (1816 - 1859): Auch ein Totentanz (1849)
Eine
der wohl bekanntesten Darstellungen des Totentanzthemas wurde
von Alfred Rethel geschaffen und erzielte seit Rethels Zeit große
Aufmerksamkeit. Die Idee zu den Holzschnittfolgen Auch ein
Todtentanz / aus dem Jahre 1848 wurde von Rethel bereits in
verschiedenen Sensemann-Bilder aus dem Jahre 1847 verarbeitet.
Begonnen hatte Rethel mit der Ausarbeitung zu "Auch ein
Totentanz" im Winter 1848, er wurde also nicht, wie oft
vermutet, vom Dresdner Maiaufstand inspiriert. Besonders von
konservativen Kreisen wurde die Darstellung in Auch ein
Totentanz begeistert aufgenommen und erreichte eine hohe
Resonanz in den Zeitungen. Dabei trat die politische Aussage
stark in den Vordergrund.
Der
Kunsthistoriker Richard Hamann vergleicht in seiner 1932
erschienenen "Geschichte der Kunst" das sechste Blatt
der Holzschnittfolge mit dem Gemälde
"Die Freiheit führt das Volk" (1830) von Eugène
Delacroix:
"Rethel
schildert dieselbe Situation im Holzschnitt, auch nicht ohne
altertümliche Technik - von den Nazarenern herkommend, wählt
er Dürers Holzschnittmanier - und nicht ohne Allegorie: Der Anführer
des aufrührerischen Volkes ist der Tod selber in seiner knöchernen
Gestalt. Aber diese Technik entspricht dem Volk und seinen
Taten, sie ist selber volkstümlich, derb, einfach, zuhauend und
schlagkräftig; jeder Strich sitzt. Und der Tod ist selber ein
Volksmann, ein wilder Geselle und Hetzer - kein Augenschmaus,
sondern notwendiges Glied im Ganzen. Das Blatt will
Revolutionsplakat sein und wie jedes Revolutionsplakat nicht
Wahrheit, sondern Wirkung, nicht Tatsächliches, sondern
Radikales, nicht Zustände sondern Ideen geben. Diese Idee ist
nun freilich eine andere als in Frankreich; es ist letzten Endes
die, daß das Volk, das die Freiheit seiner Gedanken und die
Friedfertigkeit seiner Arbeit, kurzum seine Menschlichkeit zur
Geltung bringen will, sich selbst das Grab gräbt, wenn es dies
mit den Waffen in der Hand tut. Es ist eine Absage an den
Revolutionsoptimismus der Franzosen, aber deshalb in der
Gesinnung viel stärker neue Zeit und neunzehntes Jahrhundert
und in der Form restlos und echt."
August
Diehl knüpft mit seiner aus sechs Holzschnitten bestehenden
Folge an die Totentanz-Holzschnitte Alfred Rethels an. Die erhaltenen
Blätter sind
Skizzen die später nicht in Öl ausgeführt wurden. Diehl
variiert und ergänzt die Vorlage in vielen Punkten, sodass
sie in ihrer Aussage von der Vorlage abweichen. In der Zeit des
aufkommenden Nationalsozialismus stellt Diehl den Tod als
Politiker im Anzug dar, der sich der Maske des Todes jedoch nur
im ersten und letzten Blatt als Verkleidung bedient. Wird dem
Tod bei Rethel das Schwert und die Waage als Symbole der Justiz
und der Gerechtigkeit gereicht, ersetzt Diehl die Waffe durch
eine Handfeuerwaffe und einen Penis. Der Penis wird in den
folgenden Blättern als sexuelles Statussymbol und männliches
Dominanzsymbol als Synonym für die Blindheit der Masse
verwendet, die den eigenen Bedürnissen folgt, anstelle eines
höheren Zieles, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Die durch Repression und Staatsgewalt erzeugte Angst der
Bevölkerung wird bei Diehl durch zügellose Sexualität
symbolisiert. Die Männer kämpfen auf den Barrikaden mit ihren
entblößten und erigierten Gliedern. Nicht die Einigung des
Volkes, sondern deren Spaltung und dadurch erzielte Schwächung
stehen dabei im Vordergrund. Die Blindheit des Einzelnen wird
auch im letzten Blatt thematisiert, wenn der Tod durch die
zerstörten Barrikaden über die Leichen reitet und dabei die
weiße Fahne trägt. Ein sterbender bäumt sich in letzter Kraft
auf und lächelt dem Reitenden, winkend zu. Trotz der erneuten
Demaskierung des Todes, indem er sich als solcher verkleidet die
Maske des Todes vor das Geesicht hält, wird dadurch bei Diehl
keine Erleuchtung der gepeinigten erzielt. Im Hintergrund hält
ein Kameramann die Szenerie fest. Diese frühe Medienkritik
bezieht sich auch auf die ursprüngliche Moral bei Rethel: das
Versprechen der Gleichheit und Brüderlichkeit wird durch die
Kugeln der Gewehre eingelöst, bei Diehl ist das Volk auch im
Tode nicht gleich.
Zunächst ist auf Blatt
eins dargestellt, wie ein mit Anzug bekleideter Mann, eine
Maske des Todes vor sich haltend, aus einer Gruft entsteigt und
von vier weiblichen Gestalten Pistole, Waage, Spiegel und einen
Penis übergeben bekommt. Der auf dem Maultier sitzenden
Gerechtigkeit sind dabei Hände und Augen gebunden.
Auf Blatt
zwei reitet der Tod in eine Stadt. Die Sense hat er gegen
eine Harke ausgetauscht, an deren Ende eine festgebundene Mohrrübe
das Maultier den Weg weißt. Die Maske des Todes hat er abgelegt
und auf dem Kopf trägt er den dargereichten Penis anstelle
eines Hutes. Den Spiegel in der Hand wird er von einem am Straßenrand
stehender Bauer freudig begrüßt.
Auf dem dritten
Blatt bietet der Tod den Bürgern auf dem Marktplatz Waren
an. Im Hintergrund ist ein Plakat mit Palmen und Strand zu
sehen. Die Schuhe hat er gegen Rote Damenschuhe eingetauscht.
In dem vierten
Bild stellt sich der Tod als Friedensbringer dar und übergibt
den Bürgern eine weiße Fahne. Der johlenden Menge hält er am
ausgestreckten Arm den Penis entgegen.
Eine Kampfszene wird auf dem fünften
Blatt dargestellt. Die weiße Fahne ist wieder in den Händen
des Todes, der sich mit Spiegel und Penis ausgestattet, genüsslich
die Krawatte streicht, während Männer mit ihren endblößten
und erigierten Gliedern
in den Barrikaden erschossen werden.
Im sechsten
Blatt reitet der Tod wieder mit der Maske des Todes
bekleidet und die Fahne des Friedens schwingend über die
Barrikaden, wobei er von einer Filmkamera dokumentiert wird. Die
ursprüngliche Moral bei Alfred Rethel, dass das Volk nun frei
und gleich ist, wird bei August Diehl in den Sieg der
Herrschenden Klasse über das getäuschte Volk verkehrt.
Die
begleitenden Texte der Originalfassung Rethels von Robert
Reinick beginnt
mit dem Vorspiel:
Du
Bürger und Du Bauersmann,
Schaut recht Euch diese Blätter an!
Da seht ihr nackt und ohne Kleid
Ein ernstes Bild aus ernster Zeit.
Wohl kommt so mancher zu Euch her,
Als ob's ein neuer Heiland wär,
Und spricht von Macht und Herrlichkeit,
Die er für alle hat bereit;
Ihr glaubt es ihm, weil's Euch gefällt -
Schaut her, wie es damit bestellt.
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