|
Dass die Geschichte der 5 Mädchen in Vergessenheit geriet,
liegt daran dass andere schreckliche Ereignisse die Bevölkerung beschäftigten. Von 1915 bis 1930 zogen neben den Ereignissen des Ersten Weltkrieges viele Berichte über verschwundene Kinder, Frauen und Männer die Aufmerksamkeit auf sich. Karl Denkes, der im heute polnischen Oberkunzendorf 31 Männer, Frauen und Kinder zerstückelte. Peter Kürten, der Massenmörder aus Düsseldorf (45 Morde und Mordversuche) trieb in der Zeit immer noch unerkannt sein Unwesen. Bruno Lüdke (84 Mordopfer) hatte mit der grausigen Serie seiner Mordtaten begonnen und schließlich Friedrich (Fritz) Haarmann, der in der Zeit von 1918 bis Juni 1924 ebenfalls 27 Menschen umgebracht hatte.
Als nacheinander 5 Mädchen an der Bahnlinie des Moorexpress‘ verschwanden,
stieg die Angst dass gerade ein solcher Serienmörder sein Unwesen treiben könnte.
Dass die Ereignisse kein schlimmes Ende fanden, war dem couragierten Eingreifen des Moorexpress-Lokführers Hein Steinke zu verdanken.
„In der Nacht zum 5. Juni 1921 schreckte ich unter der Last eines Albtraumes auf. In dem Traum fuhr ich mit der Lok durch eine neblige Moorlandschaft, als plötzlich ein Kind in einem weißen Kleid vor mir auf den Gleisen erschien. Alle Versuche, den Zug zum stehen zu bringen, misslangen, und ich fuhr durch die Erscheinung hindurch. Als ich erwachte, hatte ich das Bild des Mädchens noch klar vor Augen. In der folgenden Nacht überkam mich der gleiche Traum und wieder konnte ich den Zug nicht anhalten. Insgesamt 4 Nächte kam ich nicht zur Ruhe. Als ich am 12. Juni meine Fahrt mit dem Moorexpress antrat, hatte ich noch immer das Bild des Mädchens vor Augen, das mich mit großen, flehenden Augen ansah.“
Während der Fahrt fiel dem Zugführer ein Mann auf, der bei jedem Stopp den Zug verließ und mit den Kindern auf dem Bahnsteig redete. Bei dem Halt in Worpswede wurde Hein Steinke Zeuge, wie der Mann auf dem beinahe menschenleeren Bahnsteig mit einem dort spielenden Mädchen redete und mit ihr fortging. Bevor sie seinem Blick entschwand, drehte sich das Mädchen um und sah dem Lokführer direkt in die Augen. Es war dasselbe Mädchen, das ihm in seinem wiederkehrenden Traum begegnet war. Steinke handelte umgehend, verließ die Lok, eilte dem Mann hinterher und stellte ihn zur Rede. Das Mädchen stand schweigend dabei und sah den Zugführer an. Als Steinke darauf bestand, den Vorfall auf der Polizeistation zu klären, wurde der Mann nervös und versuchte zu fliehen. In einem darauf folgenden Handgemenge überwältigte Steinke den Mann und übergab ihn der Polizei.
Bei der Aufnahme der Personalien wurde die Polizei aufmerksam. Doch es war nicht der Name des Mannes Alphons Eckhard Schlitz, ein Gymnasiallehrer aus Bremen, der die Beamten aufhorchen ließ. Es war der Name des Mädchens, Paula Hüttenbusch. Schlitz kam in Untersuchungshaft und seine Bremer Wohnung wurde durchsucht. Zu diesem Zeitpunkt fehlte der Polizei in Bremen jede Spur von den verschwundenen Kindern. Doch in der Wohnung des Lehrers wurden überraschend viele Hinweise auf die vermissten Paulas gefunden und dank des schnellen Handelns der Polizei wurden die Mädchen in einem abgelegenen Gartenhäuschen in der Bremer Vorstadt unversehrt vorgefunden.
Neben den Hinweisen auf den Aufenthaltsort der Mädchen fand die Polizei eine umfangreiche Dokumentation über das Leben Paula Modersohn-Beckers, mit zahlreichen Notizen über den Tod der Malerin. Die polizeiliche Interpretation der Funde deutete darauf hin, dass der Lehrer das Kind der Malerin, nach dessen Geburt sie im Kindbett starb, für ihren Tod verantwortlich gemacht hatte. In seinem Irrsinn hatte der Lehrer die Schuld für den Tod der Malerin auf Kinder mit dem Namen Paula übertragen. Von Alphons Eckhard Schlitz war keine Stellungnahme zu bekommen. Er erhängte sich in seiner Zelle und entzog sich so einem peniblen Verhör. So bleibt die Motivation von Schlitz unklar. Der Lehrer galt als Einzelgänger und war in seinem Kollegium als Natur liebender Mensch bekannt, der an den Wochenenden zum Wandern aufs Land fuhr. Bei diesen Ausflügen musste er die Kinder ausgewählt haben.
Bis in die 1980er Jahre sagten die älteren Bewohner in Worpswede, dass die kleinen Irrlichter im Teufelsmoor, an der Strecke des
Moorexpress, die mahnenden Seelen der ehemals verschwundenen Kinder von Worpswede sind, die an ihre Geschichte erinnern wollen.
|