Die Büste von: Victor N. Gaspari

Aus der Versenkung der Geschichte

Von Boris Horváth

Der Zufall der Geschichte treibt ungeahnte Blüten in der Hauptstadt Sloweniens. Ein fast vergessener Sohn der Stadt taucht unter mysteriösen Umständen aus dem Vergessen auf. Die Rede ist von dem Dichter Victor N. Gaspari (*1802 in Ljubljana - 1833 in Ljubljana) einem Weggefährten des slowenischen Nationaldichters France Prešerens, der dank einer Hausrenovierung in der Altstadt Ljubljanas und dem damit verbundenen Fund zahlreicher Dokumente zu neuem Leben erwacht.

  • Die demontierte Büste von Victor N. Gaspari

  

Victor N. Gaspari wurde 1802 in Ljubljana als zweiter Sohn eines reichen Händlers geboren. Er war ein Studienkommilitone France Prešeren in Wien. Wie Prešeren studierte Gaspari Philosophie, doch nicht als Voraussetzung für das Studium der Rechtswissenschaften, sondern als Zeitvertreib und Luxus. Neben der Philosophie studierte Gaspari noch Musik und zeigte sich auf beiden Gebieten durchaus talentiert. Gaspari stammte aus gutem Hause, war finanziell abgesichert und verbrachte viel Zeit in den Salons der guten Gesellschaft.

Gaspari interessierte den zwei Jahre älteren France Prešeren für die Poesie und Dichtkunst. Gemeinsam lasen sie die großen Werke, von der Antike bis zur Romantik, von Homer bis Boccaccio. Eines seiner ersten Gedichtversuche widmete Prešeren dem damals unglücklich verliebten Victor N. Gaspari. Es war eine Art Studentenscherz mit dem Titel „Zarjovena Divicica“, was etwa soviel heißt wie „verrostete Jungfer“. Die Verse verfehlten jedoch die bedachte Wirkung und Gaspari war über die öffentliche Bloßstellung zutiefst betroffen. Die Freundschaft war von da an belastet und ein paar Jahre später fand Gaspari eine weniger schöne Art des Ausgleichs. 1824 denunzierte er Prešeren, der als Lehrer am Klinkowströmschen Institut in Wien arbeitete und einem Schüler, dem Grafen Anton Auersperg, verbotene Gedichtwerke ausgeliehen hatte. Prešeren wurde wegen freigeistiger Tendenzen entlassen und kehrte nach Ljubljana zurück.

Die beiden ehemals guten Freunde verloren sich für die nächsten Jahre aus den Augen. Gaspari verfolgte jedoch mit Argwohn den weiteren Werdegang Prešerens. Ständig verdächtigte er den ehemaligen Kommilitonen, bei seiner Dichtkunst von den eigenen Früchten gestohlen zu haben.

Gaspari wurde von Anton Martin Slomsek, dem späteren Bischof von Maribor, gefördert, in dessen Umkreis er sich bewegte. Slomsek, der die Verwendung der slowenischen Sprache auf die Liturgie reduzieren wollte und die Volksbildung im kirchlichen Sinne propagierte, übte großen Einfluss auf den jungen Gaspari aus. In dem Gedichtzyklus „Liturgische Elegien“ setzte Gaspari Anton Martin Slomsek ein viel zu wenig beachtetes Denkmal. 

1833 kehrt Gaspari in das elterliche Haus nach Ljubljana zurück. Wien und seine Salons, die degenerierte Gesellschaft, zu der er selbst zählte, langweilten ihn. Er beneidete Menschen wie France Prešeren, die sich ihr Leben erarbeiteten und an etwas glaubten, ein Ziel hatten. Für ihn war das Leben ein Geschenk, das ihm keine Mühe kostete. Er ließ sich von seiner Lust und seinen flüchtigen Interessen treiben. Von der Musik hatte Gaspari sich erfolglos abgewendet und widmete sich nur noch dem Schreiben. 1833 veröffentlichte er auf eigene Kosten eine Gedichtsammlung, die sich mit „Poesie der Jugend“ übersetzen lässt. Der Band fand mäßigen Anklang und wurde von dem führenden Kritiker verrissen.

France Prešeren und Victor N. Gaspari trafen in Ljubljana unweigerlich aufeinander. Doch die Jahre hatten die Unstimmigkeiten verblassen lassen. Bis zum 6. April 1833, wo Gaspari gewahr wurde, das Prešeren die von ihm angebetete Julija Primic verehrte.

Dieses Erlebnis und die daraus resultierenden Streitigkeiten zwischen Prešeren und Gaspari führten dazu, dass sich Julija Primic von beiden Männern abwandte. Für Gaspari ergab sich daraus eine unerwartete Wendung im Leben. Seine Dichtkunst trieb neue ungeahnte Blüten, die sich in dem Gedicht „Der Stolz“ am deutlichsten zeigten. Er schwankt in den Zeilen zwischen der Akzeptanz des Verlustes seiner großen Liebe und dem Trotz dieser Schwäche zu widerstehen. Das Gedicht bezieht auch deutlich Stellung zu Gasparis und Prešerens Beziehung. Die letzte Strophe findet sich in abgewandelter Form in Preserens Trinklied/Zdravljica. Diese Tatsache führte zu einem Streit zwischen den beiden ehemaligen Freunden, in dessen Verlauf Gaspari von der Drachenbrücke stürzte und ertrank. Die Ursache dieses Sturzes wurde nie geklärt.

1894 wurde an dem ehemaligen Wohnhaus Julija Primic eine Büste der Julija angebracht, wie sie aus einem stilisierten Fenster heraus, sehnsuchtsvoll auf die Straße blickt. Zwei Jahre später wurde von einem unbekannten Künstler ein weiteres Portrait an der Hauswand angebracht, das Bildnis Victor N. Gasparis, der ebenfalls aus einem stilisierten Fenster heraus zu der Julija herüberblickt. 1900 verschwindet dieses Bild jedoch auf geheimnisvolle Weise über Nacht. So dass 1905, als das große Standbild France Prešerens auf dem wenige Meter entfernten Platz eingeweiht wurde, der Blick der Julija nur mehr der leidenden Liebe France Prešerens gilt.

Das Andenken an Victor N. Gaspari ging mit seinem Bildnis unter. Von der Geschichte und seinen Ereignissen überholt, wurde sein Bildnis 2006 in einem Keller in Ljubljana wieder entdeckt. Die Stiftung Gaspari ist nun versucht, das Bildnis an seinem ursprünglichen Ort, an dem ehemaligen Wohnhaus Julija Primic anzubringen, um so einem fast vergessenem Dichter unseres Landes zu gedenken. Ein Dichter, dessen Werk noch nicht abschließend bewertet wurde.

  

 

Victor N. Gaspari: Der Schmerz
1              Den Schädel bis zum Scheitel aufgerissen -  
2              Von wiederkehrenden, quälenden Erinnerungen;  
3              An etwas, das mir wie das Glück erschien -  
4              Doch trügerisch im Bilde schimmerte.  

5              Ich fürchtete und hoffte bang,  
6              Bis Furcht und Hoffnung ich bezwang;  
7              Das Herz ist leer, ist ohne Glück,  
8              Wünscht Furcht und Hoffnung sich zurück  
9              Mit einem groben Seil ich band,  
10            Den leidend Kopf zusammen mir;  
11            Mit Nägeln und mit Schrauben,  
12            Die tränend Augen zu verschließen.
13            Mit Schlamm und Ton die Ohren stopft ich;  
14            Mit Bleiplatten einen Brustpanzer ich schuf,  
15            Damit das Herz nicht mehr klopft und ruft,  
16            So unerträglich laut nach Dir.  
17            Die Füße vergrub ich im Boden;  
18            Dass ein Nachlaufen mir unmöglich ist,  
19            Ich sehe dich nicht.  
20            Und mich auch nicht.  
Aus dem slowenischen von B. Horváth   

Victor N. Gaspari bei Wikipedia

  

Gedichtband von Victor N. Gaspari von 1833, erschienen bei E. A. Telemann in Berlin

Die Büste der Julia Primic

Portrait Victor N. Gasparis

Zum vergrößern anklicken

Zeitungsartikel der Delo vom 13. September 2007 

 

Copyright by CIfG 2009